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Die Rollen, die wir spielen

Und warum sie uns irgendwann im Weg stehen

Wir alle spielen Rollen.
Im Job. In der Familie. Im Leben.

Das ist nichts Ungewöhnliches – im Gegenteil. Rollen geben Orientierung. Sie schaffen Stabilität, Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie helfen uns, Erwartungen zu erfüllen und uns in komplexen Systemen zurechtzufinden.

Problematisch wird es nicht dadurch, dass wir Rollen einnehmen.
Problematisch wird es, wenn wir vergessen, dass es Rollen sind.

Dann wird aus einer Funktion eine Identität.
Und aus Anpassung ein inneres Gefängnis.


Warum Rollen im Berufsleben unvermeidbar sind

Organisationen funktionieren über Rollen.
Führungskraft, Experte, Projektleiter, Vermittler, Problemlöser. Jede Rolle bringt Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Erwartungen mit sich.

Gerade im Business-Kontext werden Menschen dafür belohnt, eine Rolle zuverlässig auszufüllen. Wer berechenbar ist, gilt als professionell. Wer stabil performt, als kompetent.

Viele Karrieren entstehen genau so.

Das Problem taucht erst später auf.
Dann, wenn Menschen merken, dass sie zwar eine Rolle perfekt spielen, sich selbst darin aber kaum noch spüren.


Wenn Rollen anfangen, uns zu schützen

Die meisten Rollen sind nicht zufällig entstanden.
Sie haben einmal einen Zweck erfüllt.

Der Starke.
Die Vernünftige.
Der Vermittler.
Die Leistungsbereite.
Der Unauffällige.

Diese Rollen haben geholfen, Konflikte zu vermeiden, Anerkennung zu bekommen oder Sicherheit zu gewinnen. Oft schon früh im Leben. Später wurden sie im Berufsalltag weiter verfeinert – und perfektioniert.

Das Fatale daran:
Was früher Schutz war, wird später zur Begrenzung.

Denn Rollen entwickeln ein Eigenleben. Sie erwarten, dass man ihnen treu bleibt. Dass man konsistent ist. Berechenbar. Loyal zur eigenen Maske.

Und genau hier beginnt der innere Konflikt.


Der Moment, in dem es innerlich eng wird

Viele Menschen spüren irgendwann eine diffuse Unzufriedenheit.
Sie sind erfolgreich, anerkannt, gebraucht – und gleichzeitig innerlich müde.

Nicht, weil sie überfordert sind.
Sondern weil sie sich selbst nicht mehr vollständig zeigen.

Typische Sätze in Coachings sind dann:

  • „So bin ich halt.“
  • „Das erwarten die anderen von mir.“
  • „In meiner Position kann ich mir das nicht leisten.“

Diese Sätze klingen rational.
Aber sie markieren oft den Punkt, an dem eine Rolle begonnen hat, das Leben zu dominieren.

Nicht selten wird das Umfeld dafür verantwortlich gemacht: das Unternehmen, die Kultur, die Führung, die Umstände. All das spielt eine Rolle – keine Frage.

Und trotzdem bleibt eine unbequeme Wahrheit:

Wer seine Rolle nicht hinterfragt, wird von ihr geführt.


Rollenbewusstsein statt Rollenausstieg

Es geht nicht darum, Rollen abzulegen oder radikal alles infrage zu stellen.
Das wäre naiv – und im Business schlicht unrealistisch.

Es geht um Rollenbewusstsein.

Also um die Fähigkeit, klar zu unterscheiden:

  • Was ist meine Aufgabe?
  • Was ist meine Verantwortung?
  • Und was davon habe ich zu meinem Selbstbild gemacht?

Wer diese Unterscheidung trifft, gewinnt Handlungsspielraum zurück.
Nicht sofort nach außen – aber nach innen.

Und genau dort beginnt Veränderung.


Warum Rollen ohne Selbsterkenntnis gefährlich werden

Ohne Selbsterkenntnis werden Rollen zu Selbstdefinitionen.
Dann heißt es nicht mehr: Ich habe diese Rolle, sondern: Ich bin diese Rolle.

Das macht Menschen abhängig von Anerkennung, Status und äußeren Erwartungen. Kritik wird persönlich genommen. Veränderung wird als Bedrohung erlebt. Stillstand wird verteidigt.

Organisationen spüren das sehr deutlich:

  • Innovationsfähigkeit sinkt
  • Konflikte werden vermieden statt geklärt
  • Führung wird defensiv

Nicht, weil Menschen unfähig sind.
Sondern weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Rolle zu schützen.


Coaching: Der Blick hinter die Rolle

Im Coaching geht es an dieser Stelle nicht um Lösungen.
Sondern um Entkopplung.

Der Moment, in dem jemand erkennt:

„Ich spiele diese Rolle sehr gut – aber sie ist nicht mein ganzes Ich.“

Das ist kein Angriff auf die eigene Leistung.
Im Gegenteil: Es ist oft eine Würdigung dessen, was jemand jahrelang getragen hat.

Aber es ist auch eine Einladung:
Wieder mehr Wahlmöglichkeiten zuzulassen.
Wieder Spielräume zu öffnen.
Wieder lebendig zu werden – innerhalb und außerhalb der Rolle.


Ein Ausblick mit klarer Kante

Selbstverwirklichung scheitert selten an fehlenden Möglichkeiten.
Sie scheitert daran, dass Menschen ihre Rollen mit sich selbst verwechseln.

Wer wachsen will, muss nicht alles ändern.
Aber er muss beginnen zu unterscheiden.

Im nächsten Teil der Serie geht es um innere Antreiber – um Kräfte, die uns antreiben, pushen, manchmal auch ausbrennen.
Und um die unbequeme Erkenntnis, dass unsere größten Stärken oft aus alten Notwendigkeiten entstanden sind.

Wenn dich dieser Text trifft, dann nicht, weil du etwas falsch machst.
Sondern weil du vielleicht schon zu lange zu gut funktionierst.

Wenn Du einen Blick auf Deine Rollen werfen möchtest – lass‘ uns sprechen.


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