Selbsterkenntnis ist kein Wohlfühlprozess
Selbsterkenntnis ist ein Wendepunkt
Viele Menschen sagen, sie wollen sich weiterentwickeln.
Im Business-Kontext klingt das oft kontrolliert, fast vernünftig. Man spricht von Neuorientierung, vom nächsten Schritt, von Potenzialen, die noch nicht ausgeschöpft sind. Das klingt ambitioniert. Und bleibt doch häufig erstaunlich folgenlos.
Was dabei selten ausgesprochen wird:
Die meisten wünschen sich Veränderung – aber ohne sich selbst wirklich zu begegnen.
Das ist kein Vorwurf. Es ist menschlich. Und es ist genau der Punkt, an dem persönliches Wachstum immer wieder steckenbleibt.
Wachstum beginnt nicht dort, wo neue Ziele formuliert werden.
Es beginnt dort, wo jemand aufhört, sich selbst etwas vorzumachen.
Wenn Ehrlichkeit wichtiger wird als Harmonie
Selbsterkenntnis hat ein freundliches Image. Ein bisschen Selbstreflexion, ein paar kluge Fragen, vielleicht ein Coaching-Gespräch. Etwas, das man gut in einen Entwicklungsplan integrieren kann.
In der Realität ist Selbsterkenntnis etwas anderes.
Sie ist kein Tool. Sie ist ein Moment.
Der Moment, in dem innere Erklärungen nicht mehr tragen.
Der Moment, in dem man merkt, dass die eigenen Geschichten zwar plausibel klingen – aber vor allem dazu dienen, nichts verändern zu müssen.
„Das ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt.“
„In dieser Rolle geht es nun mal nicht anders.“
„Andere entscheiden darüber.“
All das kann stimmen. Und trotzdem kann es eine Ausweichbewegung sein.
Selbsterkenntnis beginnt dort, wo diese Sätze ihre Schutzfunktion verlieren.
Wo nicht mehr bewertet wird, sondern hingeschaut.
Und ja – das fühlt sich selten gut an.
Funktionieren hat seinen Preis
In Unternehmen wird Funktionieren belohnt. Wer sich anpasst, liefert, stabil bleibt, gilt als verlässlich. Wer nicht auffällt, macht selten etwas falsch. Das System ist darauf ausgelegt, Reibung zu minimieren.
Das Problem zeigt sich erst später.
Menschen, die lange funktionieren, verlieren nicht plötzlich die Kontrolle.
Sie verlieren den Kontakt.
Zu sich selbst. Zu dem, was ihnen einmal wichtig war. Zu dem Gefühl, wirklich gemeint zu sein.
Das äußert sich nicht immer dramatisch. Oft ist es leise. Ein Ziehen. Eine innere Müdigkeit, die sich nicht mehr ausschlafen lässt. Erfolg ohne Resonanz. Sicherheit ohne Sinn.
Viele nennen das Stress.
Andere sprechen von Unzufriedenheit.
In Wirklichkeit ist es oft etwas Tieferes:
Ein inneres Wissen, das zu lange ignoriert wurde.
Warum Selbsterkenntnis keine Optimierung ist
Selbsterkenntnis wird häufig mit Selbstverbesserung verwechselt.
Dabei haben die beiden wenig miteinander zu tun.
Optimierung fragt:
Wie kann ich noch besser funktionieren?
Selbsterkenntnis fragt:
Warum tue ich, was ich tue – und was kostet es mich?
Diese Frage ist unbequem, weil sie nicht sofort nach Lösung ruft.
Sie verlangt zuerst Klarheit.
Und Klarheit verändert etwas. Nicht immer sofort im Außen, aber fast immer im Inneren. Wer sich selbst erkennt, kann sich nicht mehr in der gleichen Weise belügen. Der Spielraum wird kleiner. Die Ausreden leiser.
Das ist der Punkt, an dem Wachstum beginnt. Nicht spektakulär. Aber unumkehrbar.
Der stille Wendepunkt
Im Coaching gibt es diesen Moment. Er kommt unscheinbar daher. Kein Durchbruch, kein Aha-Erlebnis. Eher ein Innehalten.
Jemand sitzt da und sagt leise:
„Wenn ich ehrlich bin, weiß ich das schon lange.“
Ab diesem Satz ist etwas anders.
Nicht, weil sofort gehandelt werden muss. Sondern weil innere Klarheit entstanden ist.
Und Klarheit ist unbequem. Sie zwingt nicht zur Veränderung – aber sie macht Stillstand sichtbar. Wer einmal klar sieht, kann nicht mehr so tun, als wüsste er es nicht.
Wozu Coaching hier wirklich da ist
Coaching ist kein Reparaturbetrieb für Lebensläufe.
Es gibt keine Antworten, die das eigene Leben einfacher machen.
Was es geben kann, ist ein Raum, in dem Ehrlichkeit möglich wird.
Ein Raum, in dem man sich selbst nicht beeindrucken muss.
Und in dem man den eigenen Gedanken nicht mehr ausweicht.
Selbsterkenntnis entsteht nicht durch gute Ratschläge.
Sie entsteht durch das Aushalten von Wahrheiten, die man lange umgangen hat.
Das ist kein Wohlfühlprozess.
Aber es ist ein Wendepunkt.
Ein ehrlicher Ausblick
Diese Serie wird nicht zeigen, wie man sich selbst verwirklicht.
Zumindest nicht am Anfang.
Sie beginnt dort, wo viele lieber aufhören:
bei der Begegnung mit sich selbst.
Denn Selbstverwirklichung ohne Selbsterkenntnis bleibt eine Fassade.
Sie sieht gut aus. Und hält nichts aus.
Im nächsten Teil geht es um die Rollen, die wir spielen – im Job, im Leben.
Und um die Frage, wofür sie einmal gut waren… und warum sie heute vielleicht im Weg stehen.
Wenn dieser Text etwas in dir berührt hat, dann nicht, weil etwas mit dir nicht stimmt.
Sondern weil es um etwas geht, das zu wichtig ist, um es weiter zu vertagen.
Um dein eigenes Leben.
Gerne helfe ich bei einem Blick auf das eigene Selbst.
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