Die grüne Wiese ist kein Ort. Sie ist eine Entscheidung.
Manchmal spürt man, dass etwas zu Ende geht, lange bevor man weiß, was danach kommt.
Lange Zeit war Volkswagen GroupService ein wichtiger Teil meines beruflichen Lebens. Ich habe dort viel gelernt, interessante Menschen kennen gelernt, spannende Aufgaben übernommen und Erfahrungen gesammelt, die mich bis heute prägen. Doch irgendwann begann sich etwas zu verändern.
Zunächst waren es Kleinigkeiten, die man noch wegschieben oder für sich erklären konnte. Dann wurden die Signale immer eindeutiger. Vieles, was vorher selbstverständlich gewesen war, wurde plötzlich auf die Goldwaage gelegt. Spielräume wurden kleiner, Privilegien verschwanden und manches, was vorher leicht gewesen war, wurde zunehmend schwer.
Es war nicht die eine große Entscheidung oder der eine Moment, der mir sagte: Jetzt ist Schluss. Es war die Summe dieser vielen kleinen Signale. Irgendwann hatte ich sehr deutlich das Gefühl: Hier geht etwas zu Ende.
Gleichzeitig zog mich etwas anderes an. Der Norden. Ostfriesland.
Ich konnte damals nicht einmal genau erklären, warum. Es war weniger eine rationale Entscheidung als ein ziemlich starkes Gefühl. Irgendwann haben wir aufgehört, nur darüber nachzudenken, und den Schritt tatsächlich gemacht.
Von außen betrachtet sieht so etwas vermutlich mutig aus. Wenn man allerdings mittendrin steckt, fühlt es sich nicht unbedingt so an.
Denn mit dem Aufbruch begann auch die Zeit, in der ich mich ziemlich häufig gefragt habe: Ob das wohl gut geht?
Bis vor wenigen Wochen war die Situation alles andere als gemütlich. Wir zogen in ein Haus, das eine einzige große Baustelle war und erstmal schlimmer als besser geworden ist. Staub, Dreck, unfertige Räume und lange Zeit kaum ein richtiger Rückzugsort. Meine „Spielsachen“, all die Dinge, mit denen ich mich normalerweise beschäftige und die mir Freude machen, waren irgendwo in Kisten verschwunden.
Gleichzeitig begann die Suche nach einer neuen beruflichen Aufgabe. Bewerbungen gingen raus und zurück kamen Absagen – oder überhaupt nichts.
Und natürlich wird irgendwann die Stimme im eigenen Kopf lauter.
War das wirklich eine gute Idee?
Was, wenn wir uns verkalkuliert haben?
Was, wenn das mit dem neuen Job nicht klappt?
Was, wenn die ganze Nummer schiefgeht?
Ich hatte durchaus Schiss davor.
Das Interessante an großen Entscheidungen ist nämlich, dass man ihre Richtigkeit erst im Nachhinein beurteilen kann. In dem Moment, in dem man sie treffen muss, hat man diese Gewissheit nicht. Man springt ins kalte Wasser in meinem Fall das Wasser der Nordsee.
In einer solchen Situation kann man natürlich versuchen, das Pflaster ganz langsam abzuziehen. Millimeter für Millimeter, immer in der Hoffnung, dass es dadurch weniger wehtut.
Oder man reißt es irgendwann einfach ab. Genau das habe ich getan.
Und rückblickend war das wahrscheinlich eine der besten Entscheidungen meines Lebens.
Denn hätte ich gewartet, bis ich absolute Sicherheit gehabt hätte, wäre ich vermutlich noch immer dort, wo ich einmal war. Stattdessen habe ich etwas aufgegeben, von dem ich ziemlich genau wusste, dass es nicht mehr zu mir passte, ohne bereits zu wissen, was an seine Stelle treten würde.
Heute sieht die Welt schon ziemlich anders aus.
Die Heizung läuft. Die meisten Böden sind verlegt. An einigen Wänden ist schon Farbe und es ragen keine Kabel mehr heraus. Die ersten Zimmer sind fertig und die Küche steht. Aus der Baustelle wird Stück für Stück ein Zuhause und auch meine „Spielsachen“ tauchen langsam wieder aus den Kisten auf.
Und beruflich?
Da kam irgendwann dieser berühmte „Zufall“ ins Spiel. 😉
Ich stieß auf die Stelle beider Materialkreislaufwirtschaft GmbH und plötzlich war da eine Aufgabe, bei der erstaunlich vieles von dem zusammenkam, was ich in den vergangenen Jahren gemacht, gelernt und entwickelt habe: Organisation, Digitalisierung, Prozesse, Veränderung und die Möglichkeit, Dinge nicht einfach nur zu verwalten, sondern tatsächlich mitzugestalten.
Noch im September beginne ich dort meine neue Aufgabe.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, glaube ich, damit einen der coolsten Jobs in Ostfriesland erwischt zu haben.
Nicht, weil jetzt plötzlich alles perfekt wäre oder weil ich schon genau wüsste, was mich erwartet. Im Gegenteil. Gerade die Möglichkeit, zunächst zuzuhören, zu beobachten, Fragen zu stellen und eine Organisation wirklich zu verstehen, bevor man beginnt zu gestalten, macht für mich einen großen Teil des Reizes aus.
Ich bekomme wieder etwas, das mir in den vergangenen Jahren zunehmend gefehlt hat: Gestaltungsspielraum.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb gerade das Bild der grünen Wiese so sehr.
Eine grüne Wiese klingt zunächst nach grenzenlosen Möglichkeiten. Dabei ist sie durchaus anspruchsvoll. Es gibt dort noch keinen Weg. Man muss herausfinden, wo einer gebraucht wird, welche Richtung sinnvoll ist, was wachsen soll und was vielleicht besser gar nicht erst angepflanzt wird.
Man muss Entscheidungen treffen, ohne schon alle Antworten zu kennen.
Und manchmal muss man einfach anfangen zu gehen.
Interessanterweise hat mir bereits die Suche nach einer neuen Aufgabe mehr gegeben, als ich erwartet hatte. Es sind neue Kontakte entstanden, interessante Gespräche und Begegnungen mit Menschen, denen ich sonst vermutlich nie begegnet wäre.
Überhaupt waren es die Menschen, die mich hier von Anfang an beeindruckt haben. Zunächst vielleicht etwas zurückhaltend, aber sobald man miteinander ins Gespräch kommt, habe ich eine Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft erlebt, die mir sehr gutgetan hat.
Damit ist in den vergangenen Monaten etwas passiert, das ich während der staubigen Baustellentage und nach der nächsten unbeantworteten Bewerbung manchmal selbst kaum glauben konnte: Es beginnt sich richtig anzufühlen.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis meines bisherigen Neustarts.
Mut bedeutet nicht, dass man weiß, dass alles gut wird. Mut bedeutet auch nicht, keine Angst oder Zweifel zu haben. Manchmal bedeutet Mut lediglich, zu akzeptieren, dass das Alte zu Ende ist, das Pflaster abzureißen und sich auf etwas Neues einzulassen, obwohl man noch nicht weiß, wie die Geschichte ausgehen wird.
Ich weiß auch heute nicht, wo mich dieser Weg in drei oder fünf Jahren hinführen wird. Und ich weiß noch nicht, was auf meiner beruflichen grünen Wiese alles entstehen wird.
Aber ich weiß inzwischen, dass es die richtige Entscheidung war, aufzubrechen.
Deshalb möchte ich all jenen, die gerade selbst dieses Gefühl kennen, dass etwas nicht mehr passt, auch gar nicht erzählen: „Macht es einfach, es wird schon alles gut.“
Das weiß niemand.
Vielleicht wird der Weg zwischendurch staubig. Vielleicht gibt es Absagen. Vielleicht zweifelt Ihr an Euch und vielleicht sitzt Ihr irgendwann zwischen Umzugskartons und fragt Euch, was zum Teufel Ihr da eigentlich gerade macht.
Aber vielleicht wartet auf der anderen Seite auch etwas, das Ihr von dort, wo Ihr heute steht, noch gar nicht sehen könnt.
Ich kann Euch nicht versprechen, dass es gut geht.
Aber ich kann Euch sagen, dass es sich lohnen kann, es herauszufinden.
Also, wenn Ihr spürt, dass etwas zu Ende geht: Habt den Mut, genauer hinzuschauen. Und wenn die Zeit gekommen ist, habt vielleicht auch den Mut, das Pflaster abzureißen.
Lasst Euch auf das Neue ein! Es könnte gut werden. 😉
Denn die grüne Wiese ist kein Ort, sie ist eine Entscheidung.
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