Ernährung
Gesundheit,  Leben,  Selbstwahrnehmung

Ernährung

Essen wir für die Gesundheit – oder für das Gefühl?

Die meisten Menschen sagen, sie wollten sich gesünder ernähren. Mehr Gemüse. Weniger Zucker. Weniger Alkohol. Mehr Disziplin. Es klingt vernünftig. Erwachsen. Kontrolliert.

Und dann kommt der Abend.

Der Tag war lang. Vielleicht konfliktgeladen. Vielleicht leer. Vielleicht einfach nur anstrengend. Der Körper ist müde, der Kopf noch wach. Und plötzlich geht es nicht mehr um Nährstoffe oder Blutzuckerspiegel. Es geht um etwas anderes.

Es geht um Erleichterung.

Biologisch betrachtet ist Nahrung Treibstoff. Energie. Substanz. Regulation. Das ist die sachliche Ebene. Aber Menschen essen nicht nur biologisch. Sie essen emotional.

Ein Glas Rotwein am Abend ist selten nur Genuss. Oft ist es Beruhigung. Der Übergang vom Funktionieren ins Loslassen. „Jetzt darf ich runterfahren.“ Der Alkohol übernimmt, was tagsüber keinen Raum hatte.

Ein Stück Schokolade nach einem harten Termin ist selten nur Geschmack. Es ist Belohnung. „Das habe ich mir verdient.“ Ein schneller Ersatz für Anerkennung, die vielleicht ausgeblieben ist.

Ein Schnaps nach einem besonders schwierigen Gespräch ist nicht Kulinarik. Es ist Betäubung. Ein Versuch, eine Spannung im System zu dämpfen, die anders nicht reguliert wurde.

Und dann gibt es die Chili. Extrem scharf. Fast schmerzhaft. Für manche ist sie ein Kick. Ein Sich-Spüren. Ein Beweis: Ich bin noch da. Wenn der Alltag zu gleichförmig wird, wenn Emotionen flachgedrückt werden, erzeugt Schärfe Intensität.

Das sind keine Ernährungsfragen. Das sind Regulationsstrategien.

Als Coach und Profiler interessiert mich nicht, ob jemand „zu viel“ oder „zu ungesund“ isst. Mich interessiert, welche Funktion das Verhalten erfüllt. Denn Verhalten ist nie zufällig. Es ist sinnvoll – gemessen am inneren Zustand des Menschen.

Der Klient, der tagsüber kaum isst und abends alles nachholt, zeigt mir oft eines: maximale Anspannung über Stunden hinweg. Funktionieren, liefern, präsent sein. Hunger wird ignoriert. Bedürfnisse werden vertagt. Abends fällt die Spannung ab – und das System fordert Ausgleich. Nicht aus Schwäche, sondern aus Logik.

Die Führungskraft, die sich extrem diszipliniert ernährt, jedes Gramm kontrolliert, jede Mahlzeit plant, hat nicht zwangsläufig ein Ernährungsproblem. Häufig hat sie ein Kontrollthema. Essen wird zur letzten Bastion, die beherrschbar scheint. Und wenn diese Kontrolle bricht, bricht sie nicht wegen mangelnden Wissens – sondern wegen innerem Druck.

Ein anderer Klient greift immer dann zu Süßem, wenn er sich kritisiert fühlt. Nicht bewusst. Automatisch. Zucker wirkt schnell. Kurzfristig hebt sich die Stimmung. Das Nervensystem bekommt eine kleine Entlastung. Die eigentliche Frage – warum Kritik so stark trifft – bleibt unbeantwortet.

Hier liegt der eigentliche Konflikt: Gesundheit ist ein langfristiges Ziel. Glücksgefühl ist ein unmittelbares Bedürfnis.

Gesundheit liegt in der Zukunft. „Ich möchte in zehn Jahren fit sein.“
Das Glücksgefühl wirkt jetzt. „Ich will, dass es mir in diesem Moment besser geht.“

Unser rationaler Verstand plant langfristig. Unser Nervensystem reagiert unmittelbar. Und wenn ein Mensch dauerhaft unter Druck steht, gewinnt fast immer das Sofortige.

Nicht, weil er undiszipliniert ist. Sondern weil sein System nach Entlastung sucht.

Das ist der Punkt, an dem ich bewusst keine Ernährungstipps gebe. Keine Pläne. Keine Verbote. Keine Listen mit „guten“ und „schlechten“ Lebensmitteln. Das wäre zu kurz gedacht.

Mich interessiert, was fehlt, bevor der Griff zum Rotwein kommt. Was unausgesprochen bleibt, bevor die Schokolade zur Belohnung wird. Welche Emotion nicht gefühlt werden darf, bevor der Schnaps sie dämpft. Welche Leere entsteht, bevor Chili für Intensität sorgt.

Wenn wir das verstehen, verändert sich Verhalten oft von selbst. Nicht durch Zwang. Sondern durch Bewusstheit.

Essen ist ein erstaunlich ehrlicher Spiegel. Es zeigt mir, wie jemand mit sich umgeht. Ob Bedürfnisse wahrgenommen oder übergangen werden. Ob Regulation von innen kommt – oder von außen beschafft werden muss.

Es zeigt auch den Unterschied zwischen Kontrolle und Selbstführung.

Kontrolle ist eng. Sie basiert auf Regeln, Verboten, Disziplin. Sie funktioniert – bis sie bricht.

Selbstführung ist bewusster. Sie erkennt: „Ich brauche gerade Ruhe.“ Oder: „Ich brauche Anerkennung.“ Oder: „Ich bin überfordert.“ Wer das wahrnimmt, muss weniger kompensieren.

Und genau hier beginnt Coaching.

Nicht bei der Frage, was auf dem Teller liegt. Sondern bei der Frage, was im Inneren passiert, bevor der Teller gefüllt wird.

Ich lade Sie nicht ein, Ihre Ernährung umzustellen. Ich lade Sie ein, sie zu beobachten.

Nicht mit moralischem Blick. Nicht mit Selbstkritik. Sondern neugierig.

Was fühlen Sie in dem Moment, bevor Sie zum Glas greifen?
Was fehlt, wenn die Schokolade ruft?
Was wollen Sie dämpfen, wenn der Alkohol stärker wird?
Was wollen Sie spüren, wenn Sie Schärfe suchen?

Wenn Sie beginnen, diese Zusammenhänge zu erkennen, verschiebt sich etwas. Manchmal leise. Manchmal deutlich.

Denn dann geht es nicht mehr um Verzicht oder Optimierung. Sondern um Selbstverstehen.

Und das ist nachhaltiger als jeder Ernährungsplan.

Wenn Sie bereit sind, nicht Ihr Essen zu analysieren, sondern die Muster dahinter, begleite ich Sie gern dabei. Hier geht es zu meinen Kontaktdaten.


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